Mein Kind hat sein Studium abgebrochen

Wie kann ich mit dem Studienabbruch meines Kindes umgehen?

„Habe ich etwas falsch gemacht?“ „Wie kann ich mein Kind unterstützen?“ und „Ist unsere Familie die einzige, die mit diesen Themen zu kämpfen hat?“ Diese Fragen stellen sich Eltern oft nach dem Studienabbruch oder dem wiederholten Ausbildungswechsel ihrer Kinder. Eine Mutter erzählt im Interview von ihren Erfahrungen und Learnings.

Inwiefern sind Sie durch Ihre Kinder schon mit den Themen Studienzweifel, Studienwechsel, Studienabbruch in Berührung gekommen?

Ich habe drei Kinder und zwei von ihnen sind mit Erwartungen in ein Studium gegangen und dann stellte sich heraus: Es ist doch nicht das Richtige. Bei unserem Sohn geschah das aus gesundheitlichen Gründen. In dieser Situation war es überhaupt keine Frage, dass er das Studium abbricht, denn es war krankheitsbedingt nicht anders möglich. Unsere Tochter hat etwas sehr Spezielles studiert, es bis zum Bachelor durchgezogen, um dann festzustellen: Das war der falsche Studiengang; beruflich möchte ich in eine andere Richtung gehen. Da schluckt man natürlich erst einmal. Sie hat dann eine Lehre im Einzelhandel gemacht, diese beendet und gemerkt, dass sie auch das nicht ihr Leben lang machen möchte. Jetzt studiert sie auf Lehramt. Als Mutter hoffe ich, dass es das jetzt ist. Im Moment scheint sie noch zufrieden damit zu sein.

Haben Sie mit Ihrem Kind in der Situation über Ihre Bedenken und Zweifel gesprochen?

Ich habe mich erst einmal zurückgehalten, obwohl ich im ersten Studium schon gezweifelt habe. Aber das habe ich damals nur gedacht. Nach der Lehre war es anders. Es ist aber auch eine Frage des Alters. Wenn Kinder ein 3- oder 4-jähriges Studium hinter sich haben, dann reifen sie auch in dieser Zeit. Man spricht mit einem ganz anderen Menschen als nach dem Abitur. Die jugendliche Protesthaltung fällt weg und man kann erwachsen und vernünftig miteinander reden.

Wie haben Sie reagiert als Ihre erwachsene Tochter Ihnen gesagt hat, dass sie sich nach ihrer abgeschlossenen Ausbildung doch nicht im Einzelhandel arbeiten möchte?

Ich habe tief Luft geholt und erst einmal geschwiegen. Dann bin ich nach Hause und habe es meinem Mann erzählt und der hat gesagt: „Das kann es doch jetzt nicht sein! Wann will sie denn endlich mal fertig werden?“ Ich habe ihn gefragt, ob er die Verantwortung übernehmen möchte, wenn diese junge Frau später in einem Beruf festsitzt, in dem sie unglücklich ist. Wir arbeiten schließlich unser ganzes Leben lang. Wenn meine Tochter ein paar Jahre länger braucht, um den richtigen Beruf zu finden, dann steht das immer noch nicht im Verhältnis zu dem verbleibenden Berufsleben. Ich habe dann ganz klar Stellung bezogen und gesagt, „Ich stehe hinter meiner Tochter. Wenn du das anders siehst, dann musst du ihr das sagen und es auch verantworten.“

Das heißt, diese Themen haben in Ihrer Familie auch zu Spannungen geführt und wurden eher ungern thematisiert?

Am Anfang auf jeden Fall. Ich glaube, man muss den Eltern auch erst einmal die Zeit geben, sich damit auseinanderzusetzen. Damit sie sich die Alternativen vor Augen führen können. Was wäre, wenn diese junge Frau in einen Beruf geht, von dem sie von Anfang an weiß, dass er sie nicht erfüllt? Ich glaube, das möchte keiner verantworten.

Eine Frage, die viele junge Menschen beschäftigt, lautet: „Wie erzähle ich es meinen Eltern?“ Sie haben schon gesagt, dass man den Eltern Zeit geben soll. Haben Sie weitere Tipps für junge Menschen, die Angst haben, mit ihren Eltern über eine Neuorientierung wie z.B. einen Studienabbruch zu reden?

Man sollte so früh wie möglich darüber sprechen. Wenn jemand zweifelt oder befürchtet, dass der eingeschlagene Weg nicht der richtige ist, dann sollte er diese Zweifel auch sofort formulieren und seine Eltern an seinen Gedanken teilhaben lassen. Es ist auch hilfreich zu erzählen, was man sich stattdessen vorstellen kann, was man sich überlegt hat. Wenn Eltern sehen, das Kind hat Interesse und eine Perspektive, dann ist ein Abbruch eines Ausbildungswegs auch viel leichter zu akzeptieren. Dann kann man auch besser gemeinsam an einer Lösung arbeiten. Außerdem finde ich es eminent wichtig, dass man offen miteinander spricht. Ich weiß nicht, wie andere Eltern reagieren. Vielleicht gibt es welche, die auch cholerisch sind. Wenn man aber ein halbwegs normales Verhältnis zu seinen Eltern hat, sollte man so früh wie möglich, so offen wie möglich und auch ohne Angst darüber sprechen. Gerade wenn man Eltern hat, die einen auch finanziell unterstützen können. Das sollte man nicht außer Acht lassen, es ist auch einfach eine finanzielle Frage. Besonders, wenn man kein BAföG mehr bekommt, dann sind die Eltern ja in der Pflicht.

Wobei diese Regelung nur bis zum ersten berufsqualifizierenden Abschluss der Kinder gilt, oder?

Das stimmt. Aber man will sein Kind ja auch nicht hängen lassen. Natürlich könnte ich sagen „Ich unterstütze das finanziell nicht mehr.“ Aber dann müsste meine Tochter so viel arbeiten, um davon leben zu können, dass sie kaum noch Zeit hätte, zu studieren. Und das Wichtigste ist ja, dass sie möglichst schnell das Studium beendet und in den Beruf kommt. Dennoch sollte man sich gemeinsam die Frage stellen, ob die Eltern das finanziell überhaupt stemmen und unterstützen können. Und wenn nicht, sollte man zusammen eine Lösung finden. Es gibt diverse Möglichkeiten wie z.B. einen Studienkredit. Meiner Meinung nach, sollte das Finanzielle kein Hinderungsgrund sein.

Hatten Sie das Gefühl, dass Sie Ihrem Kind in der Situation helfen können?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben viel zusammengesessen. Ich habe viel im Internet recherchiert und auch mit dem Papierkram geholfen. Ich wusste zunächst auch nicht, an welche Stellen man sich wenden kann und wo man Hilfe bekommt, aber ich habe mich erkundigt. Wir hatten in der Familie auch das Glück, dass drei Kinder von mir studiert haben und wir zusammengearbeitet und uns beratschlagt haben; was der eine nicht wusste, wusste der andere. Mir war es auch wichtig, dass wir in der Familie offen über das Thema sprechen und an einem Strang ziehen. So zu tun als wäre nichts, hätte ich als viel anstrengender empfunden.

Waren die beruflichen Umorientierungen ihrer Kinder eine Belastung für Sie?

Ja. Belastend in der Form, dass man sich Sorgen macht und denkt: „Hoffentlich finden sie jetzt noch etwas anderes.“ Diese Gedanken mache ich mir heute noch, obwohl ich sehe, dass meine Tochter hochmotiviert ist.

Wie sind Sie damit umgegangen? Haben Sie mit anderen Eltern darüber gesprochen?

Nein, ich glaube, das ist ein Thema, das unter Eltern eher ausgespart wird, denn es ist schon mit Scham besetzt. Generell wird unter Eltern eher das Bild einer heilen Familienwelt nach außen gespiegelt. Das fängt an, wenn die Kinder noch klein sind und sich raufen oder in der Schule nicht mitkommen und setzt sich bis ins Erwachsenenalter fort. Niemand spricht gerne darüber, wenn das Kind an der Berufswahl zweifelt oder z.B. sein Studium abbricht.  Daher habe ich es in der Situation eher mit mir selbst ausgemacht. Vielleicht wäre es einfacher gewesen, wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass ich mit anderen Eltern darüber sprechen und mich austauschen kann.

Denken Sie, das ist eher eine Generationsfrage oder einer Verhaltensweise von Eltern geschuldet?

Das weiß ich nicht, aber es könnte auch eine Generationsfrage sein. Die Berufsbilder und das Berufsleben haben sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Früher hat man eine Lehre gemacht und dann war man bis zur Rente in einem Unternehmen angestellt. Heutzutage wechseln junge Menschen ihre Stellen ständig; sind viel flexibler. In unserer Generation war das noch nicht so, wir kennen das gar nicht. Ich denke, dass junge Menschen vielleicht anders mit diesen Themen umgehen, weil sie das bei sich selbst, ihren Freunden und ihren Kommiliton*innen sehen und miterleben. Da ist ein Wechsel etwas ganz Normales.

Was würden Sie anderen Eltern raten, die gerade in einer ähnlichen Situation sind?

Ich würde sagen, dass man das Ganze in Relation sehen muss. Man sollte sich überlegen, was im Leben überhaupt wichtig ist. Und dann verliert beispielsweise auch ein Studienabbruch an Größe. Ich habe zwei Kinder, die krank waren. Wenn man einen schweren, gesundheitlichen Einschnitt im Leben erlebt hat, dann ist alles andere relativ. Das Berufsleben ist zwar wichtig, aber es gibt schon Wichtigeres. Außerdem sollte man sich vor Augen führen, dass das Kind irgendwann für sich selbst verantwortlich ist. Es kommt wohl als Elternteil in so einer Situation zwangsläufig die Frage auf: „Habe ich etwas falsch gemacht?“ Mittlerweile bin ich zu dem Schluss gekommen, dass man diese Verantwortung ab einem gewissen Alter der Kinder abgeben kann. Man kann ihnen beistehen und sie unterstützen, aber die Verantwortung trägt man nicht und auch keine Schuld. Es ist ganz wichtig, sich das als Elternteil bewusst zu machen und sich bis zu einem gewissen Grad davon zu distanzieren.

Next Career ist ein Projekt, das sich für Enttabuisierung einsetzt und möchte, dass diese Themen kommuniziert werden. Sie sprechen offen über Ihre Geschichte aber möchten lieber anonym bleiben. Wieso?

Weil heutzutage so respektlos mit persönlichen Daten umgegangen wird, dass ich sie so weit wie möglich aus dem Netz halten möchte. Außerdem geht es ja nicht um mich. Ich rede hier über meine Kinder, die ich schützen möchte.

Prof. Dr. Petra Kleinbongard

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