"Es geht nicht darum, ob ich gut genug bin, sondern darum, ob mich mein Studium glücklich macht."

Wenn man mich früher gefragt hat, was ich später mal machen möchte, habe ich immer geantwortet: schreiben. Deutsch war in der Schule mein Lieblingsfach; dass ich nach dem Abitur Germanistik studieren möchte, stand schon früh fest. Und nein – nicht auf Lehramt. Was ich genau damit machen wollte, war zunächst einmal zweitrangig, ich war mir sicher: Wenn ich mein Studium erst einmal gut abgeschlossen habe, werde ich schon einen Beruf finden, der mich erfüllt.

An meiner Wunschuniversität kann man Germanistik nur als Zwei-Fach-Bachelor studieren und so muss ein zweites Studienfach her. Ich entscheide mich für Anglistik: Englisch fiel mir in der Schule nie schwer und so habe ich die Möglichkeit, mich auch in meinem Zweitfach mit Literatur zu beschäftigen.

Neben dem Studium muss ich mein Latinum nachholen, was ich eher als Qual und nicht als Erkenntnisgewinn betrachte. Um die Freude am Studium nicht zu verlieren, belege ich neben den Lateinkursen hauptsächlich Vorlesungen und Seminare in der Germanistik, Anglistik bleibt auf der Strecke.

Viele Kommiliton*innen, mit denen ich angefangen habe zu studieren, schließen ihre Module schneller ab als ich, man begegnet sich nur noch ab und zu auf dem Korridor.

Dort sprechen sie British oder American English oder haben sich in ihrem Auslandssemester einen schottischen oder australischen Akzent zugelegt – ich spreche einfach Englisch. Und das auch nicht in meiner Freizeit mit meinen ebenfalls deutschen Mitstudierenden. In den Einführungskursen mache ich gefühlt das Gleiche wie in meinem Wunschfach – nur jetzt eben noch einmal auf Englisch. In den weiterführenden Seminaren weiß ich teilweise nicht mehr, wovon eigentlich die Rede ist. Zunehmend fühle ich mich unwohl, fehl am Platz, wie eine Außenseiterin.

Im vierten Semester falle ich dann in einer Klausur durch, für die ich viel gelernt habe. Ein Portfolio, das ich einreiche, wird für ungenügend befunden. Ich bin es nicht gewohnt, schlechte Noten zu bekommen, geschweige denn in einer Prüfung durchzufallen. Aus dem Unwohlsein und den anfänglichen Zweifeln an der Studienwahl erwachsen handfeste Selbstzweifel, Scham und Minderwertigkeitsgefühle.

Wieso schaffe ich das nicht? Bin ich nicht gut genug? Sollte ich mein Studium abbrechen?

In dieser Zeit rede ich viel mit meinen Eltern und meinen Freunden, doch die Gespräche drehen sich im Kreis. Sie spüren, dass es mir nicht gut geht, wissen jedoch nicht, wie sie helfen können. Die Entscheidung, ob ich mein Studium abbreche, liegt letztendlich bei mir allein.

Zu Beginn des neuen Semesters höre ich auf mein Bauchgefühl und informiere mich über Studienfächer, die man an meiner Universität in Kombination mit Germanistik studieren kann. Denn wieso sollte ich mein Wunschstudium aufgeben, nur weil mein Nebenfach nicht mehr zu mir passt? Schnell finde ich einen Studiengang, der mein Interesse weckt und organisiere mir – ganz unverbindlich – einen Termin bei der Studienberatung vor Ort. Ob ich den Schritt tatsächlich wage und mich umschreibe, kann ich dann immer noch entscheiden. Zunächst einmal ist es mir wichtig, eine Alternative und mit dieser wieder eine Wahl zu haben. Das Gespräch läuft gut. Ich erzähle sogar von meinen Selbstzweifeln und den Versagensängsten, die mich seit den letzten Prüfungen verfolgen. Und meine Sorgen werden im Beratungsgespräch aufgenommen und in eine neue Richtung gelenkt.

Es geht nicht länger darum, ob ich gut genug bin, sondern darum, ob mich mein gegenwärtiges Studium glücklich macht.

Nach dem Gespräch ist schnell klar: Ich will nicht länger Anglistik studieren, ich möchte einen Neuanfang. Im besten Fall ein Zweitfach, das an meine früheren Interessen anschließt und meinen Kompetenzbereich erweitert; etwas im sozialen Bereich. Ich entscheide mich für Bildungswissenschaft. Dies bedeutet, dass ich länger für mein Bachelorstudium brauchen werde. Dass ich in dem zweiten Studienfach wieder von vorn beginne und einige Semester nur damit verbringe, in diesem Fach so viele Veranstaltungen wie möglich zu belegen. Doch das Studium macht mir wieder Spaß. Die Atmosphäre in den Kursen ist entspannt, die Diskussionen sind offen gehalten und fern vom Leistungsdruck. Ich diskutiere mit, lerne viel Neues dazu und meine Kommiliton*innen richtig kennen. Letztendlich schließe ich mein Studium nicht nur mit Erfolg, sondern auch mit einem guten Gefühl ab. Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, dann ist da nicht mehr viel Bitterkeit – vielleicht ein kleines Zwicken in der Magengegend und die Erleichterung, diese schwere Phase überstanden zu haben.

Aber da ist kein Schmerz mehr, keine Selbstzweifel, kein Bereuen.

Und wenn ich in Zukunft in eine ähnliche Situation gerate, dann weiß ich, dass ich gut genug bin und vielleicht einfach etwas finden muss, das besser zu mir passt. Zweifel sind zwar unangenehm, aber oftmals sinnvoll, denn sie bringen uns dazu, unsere gegenwärtige Situation zu hinterfragen, eine falsch eingeschlagene Richtung zu korrigieren und neue Wege zu gehen.

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