Sei offen! Zweifeln ≠ Scheitern.

„Nur weil einem die Fächer in der Schule gefallen, sollte man sie nicht studieren.“

Eigentlich stand für mich schon in der zwölften Klasse fest, dass ich studieren „muss“! Auf einer Messe für Berufe 2012 wurde mir gesagt, dass ein Studium der Geisteswissenschaften für den Berufswunsch „Redakteur“ ideal ist. Da Geschichte und auch Sozialwissenschaften in der Schule starke Fächer von mir waren, war somit klar, was ich studieren will. Der Studienort war dann auch schnell gewählt. Aufgrund der Nähe zur Heimat war Bielefeld für mich die erste Option, wo eben diese Fächer auch zugängliche Zugangsvoraussetzungen hatten.

Angekommen in Bielefeld, ebenfalls im Jahr 2012, wurden mir die Dimensionen erst einmal bewusst. Alles deutlich größer, unpersönlicher, in einer sich ungut anfühlenden Art und Weise erwachsen. Aber ich habe schnell Rituale gefunden, um mir den Alltag zu erleichtern. Ich habe mich eigentlich immer mit einem Freund am Kiosk getroffen, dort etwas gefrühstückt oder dann doch entschieden: „Och, diese Vorlesung ist heute mal nicht so wichtig“. Schnell war mir auch bei Kommilitonen klar, dass Anschluss zu fassen schwerer wird als gedacht. Dadurch, dass ich gependelt bin, war abends weg gehen schwer, vor allem pendelten eben auch die Leute, mit denen ich mich gut verstand. Ich bin ein sehr kommunikativer Mensch, daher frustrierte es mich umso mehr, wenn Kontakte knüpfen so schwierig war. Gegen Ende des ersten Semesters standen dann die Prüfungen an, meine Ergebnisse waren gut, aber meine Gedanken über das Studium waren es da schon nicht mehr.

Nach den Prüfungen des ersten Semesters, habe ich mich das erste Mal ernsthaft gefragt, ob das Studium für mich Sinn macht. Sowohl Geschichte als auch Sozialwissenschaften interessierten mich zwar, aber das Studium war trocken, theoretisch und abstoßend. Die riesigen Vorlesungssäle und das teilweise stumpfe auswendig lernen wurde zu einem Problem, welches die Situation nicht einfacher werden ließ. Mein Berufswunsch im Blick, ließ mich aber das zweite Semester anfangen. Der Gedanke aufzugeben rückte allerdings immer mehr in den Vordergrund.

Das zweite Semester verlief durch die immer größeren Zweifel ziemlich ereignislos. Ich bin deutlich weniger zur Uni gefahren, einfach weil ich nicht mehr an den Sinn geglaubt habe, es durchzuziehen. Damit aber nicht genug, die wahrscheinlich größte Aufgabe kam erst auf mich zu. Ich musste es meinen Eltern erzählen, ebenso brauchte ich einen Plan B. Was kommt nach dem Studium? Um ehrlich zu sein war der Gedanke der persönlichen Niederlage sehr präsent. Das lähmte mich schon sehr, sich der Situation zu stellen und das Ganze zu verarbeiten schien eine Mammutaufgabe. Schnell wurden mir aber diese Gedanken genommen. Meine Eltern reagierten nicht enttäuscht, sondern konnten es verstehen, auch wenn die Frage „was kommt danach?“ auch für sie das Wichtigste war.

Beratungsangebote als Hilfe beim Zweifel

Ein weiterer wichtiger Schritt war ein Termin bei der Berufsberatung der Agentur für Arbeit. Mir wurde klar gemacht, dass ein abgebrochenes Studium alles andere als eine Schande ist. Dadurch, dass ich es schon im zweiten Semester abgebrochen habe, zeigt es auch, dass man bereit ist, unbequeme Entscheidungen zu treffen. Und das war es, eine unbequeme Entscheidung, die aber nötig war, um nicht unglücklich vor sich hin zu studieren, nur weil andere und man selber es von sich erwartet.

Eine Ausbildung als neue Perspektive scheiterte. Ich hatte zusammen mit einem Berufsberater zwar erarbeitet, dass Veranstaltungskaufmann passen würde, aber das Berufsfeld auch extrem überlaufen ist.

Ich überbrückte die nun freie Zeit mit einem Praktikum bei „Sat.1 17:30“ in Dortmund. Als neues Ziel stand fest, dass ich Medienproduktion studieren will. Dieses Mal wollte ich das Studium aber an einer Hochschule beginnen. Das Vertrauen, noch einmal zu studieren, musste ich allerdings auch erst einmal aufbringen. Das Praktikum half mir dabei sehr. Der Einblick in den Alltag des Wunschberufes motivierte mich, die Prozesse von Theorie bis Praxis im Medienproduktionsstudium zu erlernen.

Nun bin ich im achten Fachsemester. Ich bin ein langsamer Student, was für mich aber schlicht bedeutet: Ich fühle mich wohl! Ich habe in Lemgo, meiner Heimatstadt, einen Platz bekommen und merkte schon am ersten Tag, dass es ganz anders werden wird. Nur knapp 60 Kommilitonen, alles kleiner und persönlicher, schlicht familiär. Bereits nach den ersten Monaten kannte man jeden mit dem man studiert, dazu erwiesen sich auch die Fächer als deutlich interessanter. Der Praxisbezug war genau das, was ich gesucht habe. Nicht nur lernen, sondern auch anwenden.

Neben dem Studium arbeite ich mittlerweile in meinem, hoffentlich auch zukünftigen, Berufsfeld. Auch wenn ich langsamer studiere als manch anderer, stehe ich nicht auf der Stelle und habe die Chance genutzt, die mir mit dem neuen Studium und dem neuen Mut gegeben wurde. Das ich nun für eine Lokalzeitung schreibe und auch in der Pressestelle der Hochschule arbeite, habe ich meinem Studium zu verdanken. Auch wenn ich immer noch nicht der „geborene Student“ bin.

Der ganze Prozess hat mir gezeigt, dass Zweifel und Aufgabe keine Niederlage sein müssem. Dass ich über alles offen geredet und früh bereits meine Zweifel offengelegt habe, erwies sich am Ende als der richtige Weg. Jedem der in eine solche oder ähnliche Situation kommt, kann ich nur raten, offen damit umzugehen bzw. sich jemandem anzuvertrauen. Keiner sollte mit so einer wichtigen Entscheidung allein dastehen. Es geht immer weiter, auch wenn man mal einen Schritt zurück gehen muss.

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Studienwechsel

Annika G.

„Probiert euch aus! Praxiserfahrung hilft weiter!“

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