"Zweifeln ist ein Moment des Suchens"

Prof. Dr. von Grünberg – Präsident der Hochschule Niederrhein – hatte die ersten Semester große Zweifel an seiner Studienwahl. Wie er damit umging und warum er sich doch noch in die Physik verliebte, erzählte er uns im Interview.

Herr von Grünberg verbrachte den Großteil seiner beruflichen Laufbahn an verschiedenen Universitäten. U.a. in Oxford, Berlin und auch Graz verbrachte er einige Zeit, um sein Wissen in der Physik zu intensivieren. Hat jemand der so eng verbunden mit dem theoretischen Wissen arbeitet, auch Studienzweifel gehabt? „Ja klar, ich muss sagen, dass ich in den ersten drei Semestern unheimliche Zweifel hatte. Die Physik ist ja echt eine zähe Angelegenheit.“ Die Gründe dafür sieht er zum einen in dem Studienaufbau und zum anderen in seiner eigenen Eingewöhnungsphase: „Man kommt aus der Schule und denkt, man hätte so wahnsinnig viel gelernt. Man ist im Vollbesitz seiner Kräfte, man hat noch keine Kinder, man hat noch nicht so viele Verpflichtungen, man möchte im Grunde die Welt bewegen, wie Kolumbus aufbrechen und Amerika entdecken. Dann kommt der Schritt an die Hochschule und man wird dort mit Inhalten, die relativ abstrakt sind, konfrontiert. In einer Phase, in der man in die Welt hinauswill, wird man zurück in die Klausur gezwängt. Ehe man sich sozialisiert hat, ehe eine Universität einen zum Studenten gemacht hat und ehe man so richtig angekommen ist in der Kultur einer Universität, das dauert ein paar Jahre.“

„Man sollte nicht an sich zweifeln und das zu einer Lebenskrise werden lassen, sondern es als ein ganz normales Moment des Suchens ansehen.“

Was hilft einem in dieser Situation? Herr von Grünberg kann wertvolle Tipps geben: Der erste Schritt ist, sich die Zweifel als Normalität einzugestehen: „Man sollte nicht an sich zweifeln und das zu einer Lebenskrise werden lassen, sondern es als einen ganz normalen Moment des Suchens ansehen. Wir haben alle gesucht und wir müssen auch alle suchen. Das Suchen lässt einen nicht zufrieden sein und dies ist letztendlich der Antrieb, den man benötigt: Man ist unzufrieden und möchte etwas verändern. Man muss dieses Suchen zulassen, als eine Normalität begreifen und dann, wenn man merkt, dass eine Entscheidung in einem gefallen ist, muss man dazu stehen und diese Entscheidung auch ein paar Jahre verfolgen.“ Anschließend ist es wichtig, auch über das eigene Empfinden zu sprechen. Herr von Grünberg hat sich in den Momenten des Zweifels viel mit seinen Freunden ausgetauscht. Auch mit einem Vertrauensdozenten sprach er über seine Zweifel. Aus diesem Grund erachtet er Beratungsangebote als sehr wichtig. Gerade, wenn das Scheitern droht, sei es manchmal gut mit einer außenstehenden Person und nicht mit dem eigenen sozialen Umfeld zu sprechen. Von dem Beratungsangebot und der Struktur der Hochschule Niederrhein spricht er vor diesem Hintergrund voller Begeisterung: „Mir gefällt an unserer Hochschule sehr, dass alles sehr vertraut ist, dass sie sehr viel Nestwärme hat, dass man sich viel kümmert. Hier lebt man nicht so anonym. Es ist eine kleine schnuckelige Hochschule, wo jeder den anderen auch kennt und auch irgendwie mitnimmt. Es ist toll, mit welch einer liebevollen Haltung sich die Damen und Herren (Anm. d. Red. Beratungsangebot des Projektes NEXT STEP niederrhein) kümmern. Das wäre mir persönlich heute auch wichtiger, ich würde nicht mehr an eine große, anonyme Universität gehen. Die Reputation nützt einem später, wenn man promoviert, aber in der ersten Phase des Studiums ist das für einen gar nicht wichtig. In der ersten Phase ist es wichtig, dass man betreut wird.“ Schlussendlich kann man sich das Studium auch selbst gestalten: „Man kann sich natürlich die etwas trockenen Jahre dadurch versüßen, dass man wechselt, dass man auch einmal ins Ausland geht, dass man Praktika macht. Dass man das Studium insgesamt selbst gestaltet und es somit ein bisschen lebhafter und abwechslungsreicher wird.“

„Im vierten Semester habe ich mich dann an die Universität gewöhnt und dann im fünften Semester war ich begeistert.“

Herr von Grünberg hat seine Zweifel aktiv angepackt: Als er sich durch eine Vorlesung der Mechanik durchkämpfte und von den vermittelnden Inhalten zunächst nur wenig verstand, hat er sich die Thematik einfach selbst nähergebracht: „Das weiß ich noch ganz genau: Ich habe mir ein dickes, fettes Lehrbuch gekauft. Einen richtig dicken Schinken. Das Lehrbuch habe ich von vorne bis hinten durchgearbeitet. Ich habe damals diesen Autor als Lehrer genommen. Bei Fachbüchern kann man die Persönlichkeit dahinter spüren. Es gibt zum Teil so unglaublich gute Fachbücher, die einem die Inhalte richtig gut nahebringen können. Und später habe ich dann gelernt, mir die Professoren zu suchen, die zu mir passen. Im vierten Semester habe ich mich dann an die Universität gewöhnt und dann im fünften Semester war ich begeistert.“

„Vor dem 30. Lebensjahr muss man genau wissen, was man kann und noch viel Wichtiger, was man nicht kann.“

Zweifel gehören für ihn zum Studium dazu, sie sind Teil des Alltages, gerade in der Zeit zwischen 20 und 35 Jahren. Es ist eine Zeit des Suchens, eine Zeit, in der man herausfindet, was man möchte – und was man eben nicht möchte: „Das ist eine unheimlich spannende Zeit für mich, zwischen 20 und 35, dieses Suchen nach der eigenen Bestimmung. Das ist ein langer, langer Prozess, aber plötzlich spürt man es bei sich. Es hat einmal ein sehr kluger Mann zu mir gesagt: ‚Vor dem 30. Lebensjahr muss man genau wissen, was man kann und noch viel Wichtiger, was man nicht kann.‘ Man muss sich eingestehen, dass man bestimmte Sachen, die man immer glaubt zu können, nicht kann. Zum Beispiel habe ich für mich irgendwann einmal erkannt: Ich bin kein so toller Mathematiker, wie ich immer dachte. Sich das einzugestehen ist ein harter Moment. Da muss man ernsthaft und ehrlich mit sich sein. Als ganz kleines Kind wollte ich immer Polizist oder Feuerwehrmann werden – so wie alle anderen Jungs auch. Mit dem Beruf später habe ich mich dann sehr schwergetan. Ich habe für mich entschieden, was ich nicht werden will, das hat mir sehr geholfen. Zum Beispiel habe ich relativ früh entschieden, ich möchte nicht Jurist werden, auch kein Mediziner und auch kein geisteswissenschaftliches Studium absolvieren, dann war die Entscheidung schon einfacher. Nach hinten blieben dann nur die Naturwissenschaften übrig. Später stellte sich dann immer die Frage: Was mache ich mit den Naturwissenschaften beruflich? Und ich habe 12 Jahre gebraucht, um das herauszufinden.“

Trotz aller Anfangszweifel war das Studium der Physik für Herrn Grünberg die richtige Wahl. Fragt man ihn heute nach seiner gesamten Studienzeit, berichtet er voller Begeisterung: „Als Student war ich voller Ehrgeiz und habe die Physik sehr, sehr ernst genommen. Ich muss auch sagen, dass dieses Physikstudium eine unglaublich schöne Erfahrung war. Es ist so ein intelligentes Studium, es ist ein so wunder-, wunder-, wunderschönes Fach, dass ich ganz wehmütig werde, wenn ich an die Physik denke. Das war eine meiner besten Ideen.“ Abschließend stellt er in Aussicht, dass es sich lohnt, sich durch die Jahre des Suchens zu kämpfen: „Komplexe Aufgaben bedeuten eine komplexe Ausbildung. Aber dann sind es nachher, das kann man auch versprechen, hoch interessante Berufe.“

Zur Person
Prof. Dr. von Grünberg begann in den Achtzigerjahren sein Studium der Physik an der RWTH Aachen. In den folgenden Jahren vertiefte er sein Wissen an verschiedenen Universitäten sowohl als Doktorand, später als Professor und heute als Präsident. Dabei führte ihn sein Weg an die Freie Universität Berlin, die University of Oxford, die Universität Konstanz, die Karl-Franzens-Universität Graz und schlussendlich an die Hochschule Niederrhein, wo er nun bereits seit neun Jahren zum Präsidenten gewählt ist. Zwischenzeitlich ergänzte er seine berufliche Laufbahn in der Forschung durch praktische Erfahrungen als Buchprogrammplaner des Springer Verlages.

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