„Die vier Jahre Studium waren keine vertane, sondern eine sehr lehrreiche Zeit"

Vom Jura-Studium zum erfolgreichen Schauspieler – ein Weg, den Marco Girnth, bekannt aus verschiedenen deutschen Serien wie ‚Unter uns‘ oder ‚Soko Leipzig‘, so nicht geplant hatte. Obwohl die Schauspielerei schon in seiner Kindheit zu seinen Leidenschaften zählte, hat er nicht daran gedacht dies auch auf einer beruflichen Ebene zu verwirklichen. Doch als nach seinem 1. Staatsexamen das Angebot für eine große Serienrolle hereinkam, setzte er einen Schritt in die heutige berufliche Laufbahn als Schauspieler und kehrte nicht mehr ins Studium zurück. Seine persönliche Geschichte und Erfahrungen sowie seine Tipps an Studierende teilt er mit Next Career im folgenden Interview.

 

Sie haben damals in Köln Jura studiert und nach dem 1. Staatsexamen nicht mehr weiter gemacht. Häufig hat man aber ohne das 2. Staatsexamen nicht so viele Berufsmöglichkeiten. Wie schwer haben Sie sich damals mit dieser Entscheidung getan?
Marco Girnth: Ich habe nicht zu den Menschen gehört, die schon früh wussten, was sie einmal im Leben werden wollen. Die Schauspielerei war immer eine Leidenschaft, die ich nicht ernst genommen habe, obwohl ich als Kind mit meinen Freunden Filme gedreht oder Theaterstücke gespielt habe. Während des Abiturs habe ich mich parallel bei diversen Agenturen beworben, um ein bisschen Geld zu verdienen, und auch kleine Rollen gespielt. Ich hatte also immer Kontakt zur Schauspielerei, wäre aber trotzdem nie auf die Idee gekommen – vor allem wegen meines Elternhauses – mich nach einer Schauspielschule umzusehen und dieses Hobby zum Beruf zu machen. Für mich war es klar, dass ich nach meinem Abitur erst mal meinen Zivi mache und danach etwas ,Manierliches‘ studiere.

Letzten Endes habe ich mich dann für Jura entschieden, weil man damit sehr breit aufgestellt ist und eine ganze Menge machen kann: Du kannst in den Staatsdienst oder in die freie Wirtschaft gehen, Richter oder Rechtsanwalt werden oder als Justitiar bei Unternehmen oder Banken arbeiten. Ich habe mir damals gedacht, dass ich das dann erst mal mache und dann immer noch vier Jahre Zeit habe, um mir zu überlegen, wo ich danach arbeiten will.

„Der Traum von der Schauspielerei war plötzlich zum Greifen nah“

Ich habe mein Studium dann schon ernst genommen und mich vor allem kurz vor dem Examen voll reingehängt und das 1. Staatsexamen mit ,voll befriedigend‘ abgeschlossen. Normalerweise macht man dann nach einer kurzen Wartephase mit dem Referendariat weiter. Genau in dieser Phase bekam ich dann von meiner Agentur, die mir zuvor hin und wieder kleinere Rollen vermittelt hatte, das Angebot für eine größere Rolle in einer damals neuen ,Daily Soap‘ (‚Unter uns‘, Anm. d. Red). Nach dem Casting hat man mir dann einen Ein-Jahres-Vertrag angeboten. Und da man in Köln damals relativ lange auf ein Referendariat warten musste, passte das für mich perfekt. Und der Traum von der Schauspielerei war plötzlich zum Greifen nah. Trotzdem wollte ich mein Studium nicht abbrechen, schließlich hatte ich schon viel Zeit und Leidenschaft darin investiert. Ich habe die Rolle dann angenommen und wollte danach ins Referendariat, aber nach dem Jahr habe ich mich dagegen entschieden.

Wie groß waren damals Ihre Zweifel, als Sie sich gegen Jura und für die Schauspielerei entschieden haben?
Girnth: Ich hatte natürlich große Zweifel. Aus heutiger Sicht war das eine völlig unrationale Entscheidung. Ich hatte damals ein Prädikatsexamen in der Tasche und schmeiße das einfach mal weg, um etwas auf einem Gebiet zu machen, von dem ich gar keine Ahnung hatte. Das musste ich damals erst einmal meiner Familie irgendwie erklären.

Wie hat denn Ihre Familie reagiert?
Girnth: Meine Familie war damals zu Recht panisch. Ich habe ja direkt vor der Kamera gestanden, ohne richtig zu wissen, was ich tue, wenn ich ehrlich bin. Aus heutiger Sicht kann ich das nur mit einer tief verwurzelten Leidenschaft für die Schauspielerei erklären.
Wenn mein Sohn heute in der gleichen Situation wäre, würde ich ihm davon abraten, sein Studium abzubrechen. Ich würde ihm sagen: Bist du bescheuert. Mach das bitte nicht.

Im Nachhinein hat sich ja alles sehr gut gefügt und Sie sind ja auch nach wie vor gut im Geschäft. Trotzdem ist die Schauspielerei oft auch ein unsicherer Beruf. Hatten Sie im Verlauf Ihrer Karriere noch einmal Zweifel?
Girnth: Objektiv betrachtet ist die Schauspielerei ein sehr unsicherer Job. Man muss mit vielen Ängsten klarkommen können. Zweifel gab es immer mal wieder, beispielsweise nach dem Ausstieg bei ‚Unter uns‘. Zum Glück kam danach ‚Gegen den Wind‘. Aber generell ist in der Schauspielerei nichts sicher. Man muss immer wieder zu Castings. Da stehen dann 50 Leute, die alle den einen Job wollen. Ob du die Rolle dann bekommst, hängt eben nicht immer nur von dir ab – das ist der Unterschied zu Jura. Wenn du vorsprichst, kommt es nicht nur drauf an, wie gut du spielst, sondern es kommen noch andere Faktoren dazu: Du musst zum Ensemble und ins optische Raster passen. Bei Jura ist das anders: Wenn man es drauf hat, bekommt man in der Regel auch einen Job.

„Die soziale Absicherung ist in der Schauspielerei in der Regel sehr schlecht – anders als bei Jura.“

In der Schauspielerei gibt es viele Dinge, die du nicht beeinflussen kannst. In den Momenten zwischen zwei Jobs ist man dann schon unsicher. Zudem ist die soziale Absicherung in der Schauspielerei in der Regel sehr schlecht – anders als bei Jura. Das ist nicht mit einer Festanstellung vergleichbar und das muss man erst mal aushalten. Ich hatte zum Glück in meiner Karriere durch die lange laufende Serie nicht so viele Wartezeiten, in denen man ins Grübeln kommt. Aber auch wir (bei Soko Leipzig, Anm. d. Red.) wissen nach Ablauf eines Drehjahres nicht, ob es weiter geht oder nicht, da die Verträge jeweils nur für ein Jahr laufen.

Trotz dieser Unsicherheiten würden Sie sich auch heute immer wieder für die Schauspielerei entscheiden?
Girnth: Ich habe mich damals so entschieden, weil die Schauspielerei meine Leidenschaft ist und denke, ich würde es auch immer wieder so machen. Das war eine Bauchentscheidung, bei der ich mir sehr sicher war.
Sollte mein Sohn mal in eine ähnliche Situation kommen, würde ich mir die genau anschauen und versuchen, herauszufinden, ob das eine kurzfristige Laune bei ihm ist oder er das wirklich will. Sollte Letzteres der Fall sein, würde ich ihn auf jeden Fall unterstützen. Wenn er sich nicht ganz sicher ist, würde ich ihn zu einer Beratungsstelle schicken, um den Entscheidungsprozess zu unterstützen.

Zwischen Jura und Schauspielerei liegen Welten, viel unterschiedlicher hätten Sie sich damals nicht entscheiden können. In der Schauspielerei ist Kreativität gefragt, in der Rechtswissenschaft eher Fachwissen.
Girnth: Ich finde, auch in der Rechtswissenschaft gibt es kreative Bereiche. Wenn du als Rechtsanwalt jemanden verteidigen musst, musst du dir auch eine Strategie überlegen, die eine gewisse Kreativität erfordert. Und auch als Richter schadet es nicht, über eine gewisse Lebenserfahrung zu verfügen.

„Es macht nicht immer alles Spaß – auch bei der Schauspielerei nicht“

Was würden Sie Studierenden aus heutiger Sicht raten, wenn diese mit dem Gedanken spielen, ihr Studium abzubrechen, um einen neuen Schritt zu wagen?
Girnth: Es kommt auf die individuelle Haltung an. Wenn man merkt, dass man lieber etwas anderes machen will, dann darf man dem ruhig nachgeben. Denn auf Dauer wird man damit wahrscheinlich nicht glücklich werden – auch wenn man dort gut ist oder gute Noten hat. Es ist nicht schlimm, wenn man etwas abbricht. Das hat für mich nichts mit Scheitern zu tun. Die vier Jahre Studium waren keine vertane, sondern eine sehr lehrreiche Zeit. Darauf baut in meinem Leben auch Vieles auf. Man kann in seinem Leben ruhig eine Menge Fehler machen, man sollte nur nicht immer wieder den gleichen Fehler machen. Anders sieht es bei einem Durchhänger aus. Den hat jeder einmal, das ist ganz normal. Es macht nicht immer alles Spaß – auch bei der Schauspielerei nicht. Da gehen mir auch Dinge gegen den Strich und ich würde in dem Moment lieber etwas anders machen.

Marco Girnth

Marco Girnth ist ein Mann für Serienhelden. Der gebürtige Düsseldorfer startete sein Schauspiel-Karriere in der damals neuen RTL-‚Daily Soap‘ ‚Unter uns‘. Zuvor hatte er in Köln Rechtswissenschaften studiert und das Studium mit dem 1. Staatsexamen abgeschlossen.
Der Durchbruch gelang ihm mit seiner Rolle in der ARD-Serie ‚Gegen den Wind‘. Auch in ‚Berlin, Berlin‘, ‚Das Traumschiff‘ oder ‚Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei‘ spielte er mit. Im Jahr 2000 wurde der heute 49-Jährige für seine Darstellung des Max in Günter Knarrs Film ‚Holgi – Der böseste Junge der Welt‘ als bester Nachwuchsschauspieler mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet
Bereits seit 2011 spielt er in der ZDF-Krimireihe ‚Soko Leipzig‘ (läuft freitags um 21.15 Uhr im ZDF) den Kriminaloberkommissar Jan Maybach. Ebenfalls im ZDF läuft die Reihe ‚Frühling‘, in der Marco Girnth die Rolle des Tierarztes Mark Weber übernimmt. Die Folgen aus diesem Jahr sind noch in der ZDF-Mediathek abrufbar, genauso wie die aktuellen Folgen von ‚Soko Leipzig‘.

Interview: Simone Zettier
Fotos:
Headerbild:© Marco Girnth (Frühling), ZDF/Jacqueline Krause-Burberg.
Vorschaubild:© Marco Girnth (SOKO Leipzig), ZDF/Uwe Frauendorf.
Portrait: © Marco Girnth (SOKO Leipzig), ZDF/Thomas Leidig.

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