Ein schlechtes Abi ist kein Grund, die eigenen Träume aufzugeben.

Sozialwissenschaften, 6. Semester, ich stehe –mehr oder weniger- kurz vor der Bachelorarbeit und gehe voll und ganz in meinem aktuellen Forschungsprojekt zum Thema Counterspeech in Facebook-Kommentarspalten auf. Das letzte Semester war anstrengend, aber ich habe viel Neues gelernt und mich selbst weiterentwickelt. Oft war ich sogar wirklich enttäuscht, wenn ich in einem besonders spannenden Seminar keinen Platz bekommen habe.

Doch das war längst nicht immer so.

Sommer 2015. Ich nehme mein Abiturzeugnis entgegen, nicht das offizielle, immerhin aber den Notenbescheid. 2,7 steht in dicker Schrift in der Mitte des Papiers. Ich denke: „Oh.“. Mehrere Minuten lang. Das war es also mit dem Traumstudiengang Medienwissenschaften. Natürlich könnte ich mich für irgendetwas anderes einschreiben, doch der fade Beigeschmack der zweiten Wahl würde bleiben.

Ich verbrachte sehr viele Nächte in meinem Zimmer, mit dem MacBook auf den Knien, und etwa 100 geöffneten Chrome-Tabs. Uniwebsites, Studienberatung, „Welcher Studiengang passt zu dir?“-Quizze und Foren, in denen sich Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befanden wie ich, ausgetauscht haben. Ich entwickelte Ehrgeiz und setzte mich daran, einen Masterplan aufzustellen.

FIRST PRINCIPLES REASONING

Dabei half mir der „first principles“ Ansatz: Probleme löst man nicht durch Analogie, sondern indem man sie in ihre elementaren Bestandteile aufbricht und darauf basierend ein eigenes Lösungskonzept entwickelt. Konkret heißt das: Anstatt mich damit abzufinden, dass ich wohl etwas anderes studieren muss, weil das nun einmal die gängige Art und Weise ist, mit einem NC-Problem umzugehen, würde ich versuchen, meinen Wunsch trotzdem zu erreichen.

Denn: Wer sagt, dass Dinge immer so gelöst werden müssen, wie sie schon immer gelöst wurden?

Ich stellte mir also folgende Fragen:

  1. Aus welchen Inhalten besteht der durchschnittlichen Medienwissenschaften-Bachelorstudiengang?
  2. Welche vergleichbaren Studiengänge gibt es?
  3. In welche Studiengänge dieser Auswahl kann ich mich mit meiner Abinote einschreiben?

Das führte mich zu zwei Erkenntnissen: Erstens, der Studiengang Sozialwissenschaften an der HHU Düsseldorf ist wie für mich gemacht, weil der Fokus nicht ausschließlich auf Medienwissenschaften liegt, sondern der Studiengang auch Soziologie und Politologie beinhaltet und dadurch interdisziplinär ist. Mein Interessenspektrum ist relativ breit, deshalb schien diese Fächerkombination perfekt. Das einzige Problem: Auch hier lag der NC bei etwa 2,0.

Zweitens: Der Studiengang Politikwissenschaften an der Uni Duisburg-Essen kombiniert die Fächer Soziologie und Politikwissenschaften, zumindest bis zum dritten Semester.

Gleichzeitig stieß ich auf den Bewerbungswebsites der Unis auf den Begriff „Quereinsteiger“ – das bedeutet, den Studiengang zu wechseln, aber durch Anerkennung von Leistungen direkt in ein höheres Fachsemester einsteigen zu können, anstatt wieder bei 0 anfangen zu müssen.

QUEREINSTIEG ALS MASTERPLAN

Ich griff zum Hörer und telefonierte mich durch, von Prüfungsamt bis Studienberatung beider Unis holte ich mir jede verfügbare Meinung ein und diskutierte Modulhandbücher und Studienverlaufspläne.

Am Ende stand der Plan: Ich würde Politikwissenschaften in Duisburg beginnen, zwei Semester lang studieren und die Punkte in den Basismodulen sammeln, bis es zum dritten Semester Zeit für einen Wechsel an die HHU wäre – als Quereinsteiger. Einmal dort angekommen, bräuchte ich nur die Module in Medienwissenschaften nachholen und könnte ansonsten mit dem regulären Studienverlaufsplan fortfahren.

Ich war erleichtert und hatte gleichzeitig Angst: Was wäre, wenn der ganze Plan nicht aufgehen würde oder ich an einem der Module scheitern würde? Müsste ich dann Politikwissenschaften studieren, obwohl mich dieser Schwerpunkt wenig begeisterte?

Die Angst zog sich zugegebenermaßen durch die gesamten zwei Semester. Die Ungewissheit führte immer wieder zu Zweifeln. Im Sommer 2016 schickte ich meine Bewerbung an die HHU und wartete.

Der Zeitraum, in dem Erstsemester ihre Zulassung bekommen würden, war ungefähr bekannt, ich hingegen tappte im Dunkeln. Nach 3 Wochen gab ich die Hoffnung beinahe auf. Doch dann landete der Brief zur Zulassung in meinem Briefkasten und ich konnte mich endlich einschreiben.

Mittlerweile studiere ich seit 2 Jahren Sozialwissenschaften und bin wahnsinnig froh, die Energie für diesen kleinen Umweg aufgewendet zu haben. Die Seminare und Vorlesungen entsprechen bis auf wenige Ausnahmen absolut meinen Erwartungen, und ich habe das Gefühl, „angekommen“ zu sein.

Falls du dich in einer ähnlichen Situation befindest: Gib nicht direkt auf, nur weil dein Schnitt unter die Auswahlgrenze der Uni fällt. Der NC eines Studiengangs spiegelt lediglich die Beliebtheit eines Studiengangs wieder, nicht aber deine Fähigkeiten für die Inhalte.

Sich bewusst für einen Umweg zu entscheiden ist definitiv kein Makel im Lebenslauf!

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